Topinambur: Eine ganz schön wilde Wurzel

Topinambur wurde von französischen Entdeckern aus Kanada mitgebracht – heute hilft es vor allem Diabetikern. Mit Rezept von Madame Tamtam.

Erdartischocke, Erdbirne oder Rosskartoffel – Wurzel mit vielen Namen

Heute widmen wir uns mal einer etwas exotischeren Beilage, die gerade in Bioläden seit einiger Zeit ein Revival erlebt. Außerdem eignet sich ihre Geschichte perfekt als Tischgespräch. Die Rede ist vom Topinambur, den französische Entdecker aus Kanada mit nach Europa brachten. Gegessen wird nur die Wurzel, die bis zu drei Meter hohe Pflanze gehört zur Familie der Sonnenblumen. Heute wird sie vor allem in Südafrankreich angebaut, bei uns eher selten. Erdartischocke, Erdbirne oder Rosskartoffel wird sie in verschiedenen Gegenden Deutschlands genannt. Tatsächlich schmeckt sie auch ein bisschen wie Artischockenherzen.Topinambur Suppe, Foto: Madame Renard

Erst Hauptnahrungsmittel dann in die Verbannung

Weil sie sich gut anbauen lässt, hat sie vor allem in Frankreich für einige Zeit die Kartoffel vom Speiseplan verdrängt: kurz nach ihrer Entdeckung im 17. Jahrhundert und dann wieder während des 2. Weltkriegs. Die leicht abführende Wirkung des Topinambur trägt ihm allerdings nach dem Krieg 50 Jahre Verbannung ein, schreibt Evelyn Bloch-Dano. Sie hat die Kulturgeschichte dieses Gemüses in „Die Sehnsucht im Herzen der Artischocke“ launig festgehalten.

Schon kurz nach seiner Ankunft in Frankreich machte der Topinambur schlechte Erfahrungen mit den Menschen. Nach einem ersten Hype um das exotische Gewächs gab es nämlich sehr schlechte Noten von Gelehrten des Landes: keinerlei Nutzen, attestierten ihm die einen. Geschmacklos, wässrig, langweilig, stark blähend, ja sogar ungesund, nannten in die anderen. Topinambur würde sogar Lepra verursachen, hieß es – eben diese Wirkung wurde aber auch der Kartoffel angedichtet.

Wundermittel bei Diabetes 

Die heutige Wissenschaft hat anderes entdeckt: Da es viel Inulin besitzt, findet sich Topinambur seit den 20er-Jahren auf dem Speiseplan der Diabetiker. Wird Inulin regelmäßig mit der Nahrung aufgenommen, senkt das die Blutfettwerte. Topinambur ist kalorienarm, besitzt viele Ballaststoffe, Eisen und sehr viel Kalium. Als Kautablette soll Topinambur das Hungergefühl dämpfen. Die Knolle enthält Betain, Cholin und Saponine, die als hemmend gegen Krebs angesehen werden.Topinambur Suppe, Foto: Madame Renard

Gesprächsstoff für die Mittagstafel

Am besten schmeckt Topinambur in Cremesuppen, Gemüseaufläufen, in Saucen und als Püree. Wer dabei in Gedanken auf eine Zeitreise geht, hat vielleicht doppelt so viel Spaß. Die Geschichte des Topinamburs ist schillernd: Samuel der Champlain war der erste, der das Gemüse beschrieb. Er war ein französischer Pelzhändler, der 1603 seine Heimat verließ, um in Kanada eine Niederlassung zu gründen. 21mal fuhr er insgesamt nach „Neufrankreich“, gründete Akadien und die Stadt Quebec. Er beobachtete, wie ein Jäger-und-Sammler-Volk die seltsamen Wurzeln verspeiste und probierte selbst. Der mitreisende Anwalt Marc Lescarbot brachte sie schließlich 1612 mit nach Frankreich. „Canada“ wollte er die Wurzel nennen, „Chiquebi“ hieß sie bei den Einheimischen. Walnüsse der Erde oder kanadische Artischocken sagten die Franzosen zu der Knolle. Zu ihrem heutigen Namen kam sie durch puren Zufall: Eine Abordnung des brasilianischen Topinamba-Indianerstamms löste 1613 in Frankreich einen schaurig-schönen Begeisterungssturm über die „wilden Völker“ aus, die tanzen, ihre Federn schütteln und ihre Feinde essen. Flugs wurden die Südamerikaner zum Namenspaten für die neu entdeckte, wilde Knolle. Dass sie aus einer ganz anderen Gegend stammte als die Indianer, war den Franzosen eher egal. Hauptsache Übersee.

Topinambur wird heute hauptsächlich in Nordamerika, Russland, Australien und Asien angebaut. In Deutschland findet man das Gemüse zumeist auf Wochenmärkten oder in Bioläden. Saison für Topinambur ist von Oktober bis Mai, wenn er am schmackhaftesten ist – je nach Zubereitung süßlich oder nussig.

Quelle: Evelyne Bloch-Dano, „Die Sehnsucht im Herzen der Artischocke: Eine Gemüsekulturgeschichte, August 2013

Topinambur-Cremesuppe
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Zutaten
  1. 750 g Topinambur
  2. 1 Zitrone in Scheiben
  3. 2 Zwiebeln
  4. 1 Knoblauchzehe
  5. 50 g Butter
  6. 1,25 l Gemüsebrühe
  7. 2 Lorbeerblätter
  8. ein halbe TL geriebene Muskatnuss
  9. 1 EL Zitronensaft
  10. 150 g Frischkäse
  11. Salz, Pfeffer
Zubereitung
  1. Topinambur schälen, in Scheiben schneiden und gemeinsam mit der Zitrone in eine Schüssel mit Wasser legen. Nach 10 Minuten abgießen, Zitrone entfernen. Topinamburscheiben trocken tupfen.
  2. Butter in einem Topf zerlassen, gehackte Zwiebel und zerdrückten Knoblauch 4 Minuten darin dünsten.
  3. Topinambur dazugeben, 3 Minuten mitdünsten.
  4. Brühe, Gewürze und Zitronensaft dazugaben, zum Kochen bringen und bei geschlossenem Topf eine halbe Stunde köcheln lassen.
  5. Lorbeerblätter rausnehmen, Suppe pürieren, abschmecken und Frischkäse unterrühren. Guten Appetit.
Madame Renard http://madamerenard.de/

Über Madame Tamtam

Salut! Ich bin Madame Tamtam. Ein wenig küchen- und kochverrückt muss man schon sein, um sich in die Riege der tausenden Foodblogger einzureihen. Und weil ich ein wenig schüchtern bin, blogge ich vorerst nicht selbst, sondern schaue erst einmal Madame Renard über die Schulter in die Kochtöpfe und schnüffle ein wenig in der Lebensmittelgeschichte. Was ich dort finde, schreibe ich hier auf.

2 Kommentare zu Topinambur: Eine ganz schön wilde Wurzel

  1. Hallo Juliane, ich mag es sehr, wie Du Deine Rezepte präsentierst, bzw. einleitest. Es kommt die Historikerin durch. Wenn wir das nächste Mal in Scherin sind, kommen wir zum Essen in Euer Restaurant! LG Britta

    • Liebe Britta,

      vielen Dank für den lieben Kommentar. Ich freue mich, wenn die Texte bei Dir gut ankommen. Vielleicht sehen wir uns ja bald im La Bouche.

      Ich wünsch Dir einen sonnigen Tag
      Juliane

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